
Im Unterricht haben wir die Erzählung Das Urteil von Franz Kafka gelesen. Diese Lektüre war für mich eine einzigartige Erfahrung. Bereits zu Beginn entsteht eine merkwürdige, beinahe beunruhigende Atmosphäre: Etwas wirkt verschoben und unstimmig ohne, dass man dies sofort klar benennen könnte. Die Absurdität der dargestellten Welt und ihrer Figuren wird nicht direkt ausgesprochen, sondern lässt sich nur erahnen - durch bestimmte Stolpersteine, Szenen oder Details, die als Hinweise auf eine grundlegende Irrationalität funktionieren. Besonders das Ende der Erzählung wirkt schockierend und abrupt und konfrontiert den Leser mit einer radikalen Unverständlichkeit.
Diese Erfahrung eines urteilenden, aber nicht erklärenden Weltzusammenhangs erinnerte mich an einen weiteren bedeutenden Autor des 20. Jahrhunderts: Albert Camus. Auch er setzt sich intensiv mit der Frage der Absurdität des menschlichen Daseins auseinander, geht jedoch einen anderen Weg, indem er das Absurde nicht nur literarisch darstellt, sondern es philosophisch systematisiert und theoretisiert. In diesem Blogbeitrag möchte ich die unterschiedlichen Auffassungen des Absurden bei Kafka und Camus vergleichen und untersuchen, welche Antworten oder "Lösungen" beide Autoren auf diese Erfahrung anbieten.
Kafka und Camus - zwei Wege im Umgang mit dem Absurden
Sowohl Franz Kafka als auch Albert Camus gehen von derselben Grundannahme aus: Das menschliche Leben ist grundsätzlich absurd. Der Mensch ist ein Wesen, das nach Sinn, Ordnung und Gerechtigkeit strebt, während ihm eine Welt gegenübersteht, die schweigt, keine Antworten gibt und sich rational nicht rechtfertigen lässt. Durch diese Konfrontation entsteht das Absurde.
Kafka zeigt diese Erfahrung literarisch. In seinen Texten wird die Absurdität der Welt nicht erklärt, sondern erlebt. Figuren wie Georg Bendemann geraten in Situationen, in denen sie beurteilt, verurteilt und bestraft werden, ohne den Grund dafür zu verstehen. Die Logik der Welt bleibt ihnen und uns verschlossen. Kafka treibt diese Erfahrung bis ins Extreme und macht sie zum Kern der modernen Literatur: Der Leser wird selbst in diese absurde Welt hineingezogen und steht am Ende ebenso ratlos da wie die Figuren. In Kafkas Welt scheint selbst der Unterschied zwischen Weiterleben und Selbstaufgabe zu verschwimmen. Das Leben wirkt ebenso grundlos wie der Tod. Doch während Kafka diese Gleichsetzung literarisch stehen lässt, widerspricht Camus ihr entschieden. Für ihn beginnt gerade hier die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Absurden.
In "Der Mythos des Sisyphos" bezeichnet er den Selbstmord als die erste und zugleich falsche Antwort auf das Absurde. Der physische Selbstmord beendet die Konfrontation zwischen dem Menschen und der sinnlosen Welt - und entzieht sich damit genau dem Problem, das eigentlich ausgehalten werden müsste. Ebenso kritisch beurteilt Camus den sogenannten philosophischen Selbstmord, also den Versuch, dem Leben nachträglich einen höheren, transzendenten Sinn zuzuschreiben, durch Religion oder metaphysische Erklärungen.
Genau diesen doppelten Selbstmord verkörpert Georg Bendemann. Er versteht das Urteil seines Vaters nicht - ebenso wenig wie wir Leser. Dennoch überzeugt er sich selbst davon, dass es einen tieferen Sinn geben müsse, eine Wahrheit, die sich ihm entzieht. Anstatt das Urteil zurückzuweisen oder zu hinterfragen, akzeptiert er es und vollzieht die Strafe selbst. Damit begeht er nicht nur den physischen Selbstmord, sondern auch einen philosophischen: Er glaubt an einen Sinn, der jenseits seiner Vernunft liegt.
Aus der Perspektive Camus’ ist Georg somit das Gegenbild des absurden Menschen. Während Camus fordert, das Absurde bewusst auszuhalten und sich ihm ständig zu widersetzen, unterwirft sich Georg einer stummen Autorität. Der Vater steht dabei symbolisch für eine Welt, die spricht, ohne zu erklären, und richtet, ohne sich zu rechtfertigen. Camus’ Antwort auf diese Erfahrung ist radikal anders: Das Leben erhält keinen vorgegebenen Sinn, sondern nur den, den wir ihm selbst geben, im fortwährenden Kampf gegen das Absurde.
Gerade deshalb erscheint mir Camus’ Haltung überzeugender. Die Sinnlosigkeit des Lebens ist kein Grund zur Kapitulation, sondern der Ausgangspunkt für Freiheit, Verantwortung und Revolte. Nicht der Tod, sondern das bewusste Weiterleben im Angesicht des Absurden verleiht dem menschlichen Dasein Würde.
Kastentext
Beim Schreiben dieses Blogbeitrags wurde mir klar, dass meine Themenwahl eng mit meinen persönlichen Interessen verbunden ist. Die Lektüre von Das Urteil erinnerte mich daran, dass Albert Camus sich in Der Mythos des Sisyphos ausdrücklich mit Franz Kafka auseinandersetzt. Besonders dieser Satz war für mich der Ausgangspunkt dieser Vergleichsanalyse:
„Bei Kafka ist die Welt absurd, aber der Mensch hofft dennoch.“
(Der Mythos des Sisyphos, Kapitel „Hoffnung und Absurdität bei Kafka“)
Camus ist mein bevorzugter Autor, weshalb es für mich naheliegend war, Kafkas literarische Darstellung des Absurden mit Camus’ philosophischer Theorie zu verbinden. Im Schreibprozess lernte ich, literarische Analyse und philosophische Argumentation gezielt miteinander zu verknüpfen und meine eigene Position klarer zu formulieren. Als Hilfsmittel nutzte ich auch textgenerierende KI, vor allem zur sprachlichen Überarbeitung und zur Verbesserung der Kohärenz. Die inhaltliche Struktur und die zentralen Gedanken des Textes beruhen jedoch auf meiner eigenen Auseinandersetzung mit den behandelten Werken. Insgesamt bin ich mit dem Blogbeitrag zufrieden, da er mein Verständnis des Unterrichtsthemas und meinen persönlichen Lernprozess angemessen widerspiegelt.