Gewalt - ein unendlicher Kreislauf?

17. April 2026

Während meiner vier Jahre am Gymnasium habe ich viele prägende Werke gelesen, sei es auf Deutsch, Französisch oder Englisch. Was sie alle gemeinsam haben, ist das Vorhandensein eines Konflikts im Zentrum der Handlung, sei es ein innerer oder äusserer Konflikt. Sehr oft wird dieser Konflikt durch Gewalt ausgedrückt: In Maria Stuart befindet sich die Protagonistin im Zentrum einer politischen Intrigue, die nicht davor zurückschreckt, Menschenleben zu opfern. In der Tragödie Orestie scheint die Gewalt kein Ende zu nehmen, da die Figuren in einem endlosen Kreislauf aus Rache und Hass gefangen sind. Und in unserer letzten Lektüre, Die Nacht von Elie Wiesel, wird der Leser mit einer der grausamsten und unmenschlichsten Formen von Gewalt konfrontiert, zu der der Mensch fähig ist.

Die Literatur spiegelt unsere Welt wider. Seit Anbeginn der Zeit scheint Gewalt eine universelle Sprache der Menschheit zu sein. Auch heute genügt ein Blick auf aktuelle Konflikten, um zu erkennen, dass der Mensch diesen Kreislauf der Gewalt nicht so schnell durchbrechen wird. Kann man dennoch hoffen und optimistisch bleiben? Ist es möglich, diesen endlosen Kreislauf zu durchbrechen, oder ist der Mensch dazu verurteilt, seinen brutalsten Instinkten zu folgen?

In diesem Essay werde ich versuchen, diese Fragen zu beantworten, indem ich sie aus der Perspektive einer fiktiven Figur betrachte: Thorfinn aus dem Werk Vinland Saga des Mangakas Makoto Yukimura.

Thorfinn Karlsefni

Man lernt Thorfinn in einem Kriegskontext kennen, während der Invasion der Wikinger in England. Am Anfang wächst er jedoch auf Island, weit weg von diesem Chaos . Diese Ruhe endet aber schnell und abrupt, als sein Vater vor seinen Augen getötet wird. Von diesem Moment an wird sein Leben vollständig von Rache bestimmt. Er findet keinen anderen Sinn mehr in seiner Existenz. Er schliesst sich unter dem Mörder seines Vaters an, nur mit dem Ziel ihn eines Tages herauszufordern und töten. Über Jahre hinweg ist dieser Hass die einzige Kraft, die ihn antreibt. Doch sein Ziel verschwindet, als er erfährt, dass sein Feind von jemand anderem getötet wurde. Ohne diesen Lebenssinn bleibt Thorfinn in einer tiefen Leere zurück. Diese Leere bringt ihn nach und nach dazu, alles zu hinterfragen, woran er bisher geglaubt hatte. Er wird als Sklave verkauft, und doch erreicht er gerade in diesem Zustand paradoxerweise eine gewisse Freiheit. Befreit von seinen Wünschen, seinem Hass und seinem Bedürfnis nach Gewalt, durchbricht er schliesslich die Ketten, die ihn festgehalten haben. Thorfinn trifft dann eine radikale Entscheidung: Er verzichtet auf Gewalt. Er verspricht sie nie wieder zu benutzen.

Wir alle wurden irgendwann einmal verletzt und haben auch selbst andere verletzt. Wir alle haben Hass gespürt und manchmal sogar den Wunsch nach Rache. Genau das überwindet Thorfinn. Natürlich kann ein solcher Pazifismus unrealistisch wirken. In manchen Situationen, wie etwa bei Selbstverteidigung, scheint es notwendig zu sein, auf Gewalt zu reagieren. Doch genau diese Logik hält den Kreislauf der Gewalt am Leben: Gewalt mit Gewalt zu beantworten verlängert nur den Hass. Eine Szene des Werkes zeigt diese Idee sehr deutlich: Thorfinn befindet sich mitten in einem Konflikt um ein einfaches Stück Land, während zwei Armeen bereit sind gegeneinander zu kämpfen. Trotz der Warnungen seiner Gefährten, die es für naiv halten zu glauben, dass ein solcher Konflikt durch Worte gelöst werden kann, entscheidet er sich, zum Lager der Gegner zu gehen, um mit dem König zu sprechen. Dort stellt er eine entscheidende Frage: Hat jemand überhaupt versucht, den anderen wirklich zu verstehen? Oder hat jeder nur auf Gewalt mit noch mehr Gewalt reagiert? Diese Überlegung geht weit über den Krieg hinaus. Im Alltag machen wir oft dasselbe: Wir behandeln andere so, wie sie uns behandeln, und reagieren instinktiv mit Feindseligkeit. Dadurch schaffen wir unsere Feinde oft selbst. Eine einfache Geste der Freundlichkeit, unerwartet und ohne Eigennutz, könnte jedoch viele Konflikte entschärfen.

Thorfinn begibt sich daraufhin in das Lager der Gegenseite und verlangt, den König zu sehen. Er versucht zunächst, sich auf seine Vergangenheit als Krieger zu berufen, da er den König kennt. Doch wegen seines Aussehens und seines Status als Sklave nehmen die Soldaten ihn nicht ernst und glauben ihm nicht. Für sie ist seine Forderung nur lächerlich. Lachend sagen sie, dass er den König nur sehen könne, wenn er hundert Schläge aushält. Thorfinn akzeptiert diese Bedingung ohne zu zögern. Er stellt sich den Soldaten und lässt die Schläge über sich ergehen. Schmerz und Blut halten ihn nicht auf, doch er bleibt stehen und erträgt alles, nur um gehört zu werden. Danach fragt man ihn, warum er nicht einfach gekämpft hat, um seine Stärke zu beweisen und zu zeigen, dass er wirklich ein Krieger war. Darauf antwortet er:

„Ich begegne euch heute zum ersten Mal. Ich weiss nichts über euch. Ich hege keinen Groll. Ihr seid nicht meine Feinde. Ich habe überhaupt keine Feinde.“

Mit diesen Worten verkörpert Thorfinn einen vollständigen Bruch mit der Logik der Gewalt. Er weigert sich, an diesem Kreislauf teilzunehmen, nicht weil er dazu gezwungen wird, sondern weil er inzwischen dessen Absurdität erkannt hat. Leben ohne Gewalt und auf Rache zu verzichten. Das wirkt am Anfang völlig unglaubwürdig. Wir haben aber alle schon andere verletzt. Deshalb wäre es absurd und egoistisch, sich rächen zu wollen. Thorfinn wird später dem eigentlichen Mörder seines Vaters begegnen und auf seine Rache definitiv verzichten. Er, der so vielen Menschen wehgetan hat. Er, der so viele Väter getötet hat. Mit welchem Recht sollte er sich rächen, wenn andere es nicht dürfen? Thorfinn erkennt diese Absurdität. Er weigert sich, Teil dieses Kreislaufs zu sein. Das ist die zentrale Idee dieses Werks, den uralten Kreislauf der Gewalt durchzubrechen und Thorfinn verkörpert diese Idee.


Die entscheidende Frage ist also: Ist es realistisch zu hoffen, dass die gesamte Menschheit diesen inneren Frieden erreicht, den Thorfinn gefunden hat? Die Antwort ist ganz klar: Nein. Eine Welt ganz ohne Gewalt ist ein unerreichbarer Traum, selbst in der Fiktion: Thorfinn wird versuchen, einen Ort ohne Gewalt zu schaffen: das "Vinland", seine Utopie, er wird aber scheitern. Aber um den Autor zu zitieren:

Utopie ist kein Ort, den man erreicht, sondern ein Weg, der gelebt werden will. Das klingt vielleicht nach einer Sisyphos-Arbeit. Aber es ist dennoch der sinnvollste Kampf, den es geben kann.

Reflexiosntext

Ich habe wirklich viel Zeit gebraucht, um eine Idee für diesen letzten Blog zu finden. Um ehrlich zu sein, wollte ich was Besonderes machen. Da alle Themen, die wir seit meinem Eintritt ins Gymnasium behandelt haben zur Auswahl standen, fiel es mir schwer, mich auf eines festzulegen. Also suchte ich ein Thema, das über einen einfachen Blog hinausgeht. Warum dann nicht ein wiederkehrendes Thema, das bei fast jeder Lektüre aufgetaucht ist? Wegen unserer letzten Lektüre, die ein selten gewalttätiges Thema behandelt ( und wegen all dem, was gerade auf der Welt passiert: der Völkermord in Palästina, der Bürgerkrieg im Sudan ...), hatte ich einen Zugang zu diesem Blog gefunden: Gewalt, die Sprache derer, die nichts zu sagen haben.
Ich habe mehrere Entwürfe geschrieben, zu verschiedenen Aspekten dieser Sprache. Aber ich hatte gar keine Freude am Schreiben. Bis mir wieder dieses eine Werk einfiel, das mich so fasziniert hat. Also beschloss ich, es mir noch einmal anzuschauen. Indem ich die Brille und die Perspektive von Thorfinn übernahm, gelang es mir, Gefühle und Verhaltensweisen zu beschreiben, die in meinem Kopf sehr vage und abstrakt waren. Darauf bin ich in diesem Blog ziemlich stolz. Ich hatte viel mehr Spass am Schreiben. Aber als ich eine Reflexionspausen machte, fühlte ich mich etwas unwohl. Ein Gefühl von Heuchelei, mit einem moralisierenden Ton. Also schrieb ich meinen Blog ein letztes Mal um. Ich stellte klar, dass es sich um einen Essay handelt, ein Gedankenexperiment, das die Welt aus der Sicht von Makoto Yukimura betrachtet. Dieser Text ist natürlich in erster Linie ein Gedankenexperiment. Und ich bin weit davon entfernt, mich nach diesem pazifistischen Ideal zu verhalten. Trotzdem habe ich jedes Wort, das ich schrieben habe durchgedacht. ich kann nur versuchen, nach diesem Ideal zu leben. Mich auf diesen "Weg ohne Zielort" einlassen. Und darauf bin ich letztlich am stolzesten: Dass mich dieser Gedankengang, diese kurze Zeit in Thorfinns Augen, während des gesamten Schreibprozesses dieses Blogs zum Nachdenken gebracht hat.